Das Abraham Haus – Sehenswürdigkeit von Lienz?
Geschrieben am 3. Juli 2014 von Evelin Gander
Das Abraham Haus – Sehenswürdigkeit von Lienz?

Zum fixen Bestandteil meiner Führungen durch die Dolomitenstadt gehört auch das Gebäude der Hypo Bank am Lienzer Hauptplatz, das „Abraham-Haus“. Und ähnlich der Lienzer selbst, empfinden es manche meiner Gäste als äußerst unpassend, der wesentlich größere Teil aber als große Bereicherung für die Innenstadt. Vor allem nach meinen Erläuterungen.

Freilich, Geschmäcker sind verschieden, das war immer schon so und das ist auch gut so. (Und die freie Äußerung darüber muss weiterhin gestattet sein, bei uns auf dolomitenstadt.at ist sie sogar erwünscht!).

Wurden nicht schon in der Neuzeit die mittelalterlichen Fresken übermalen und die vergangene Zeit herablassend als gotisch, barbarisch, bezeichnet, um dann wenige Jahrhunderte später – das Mittelalter idealisierend – die Gotteshäuser  fast kitschig  neugotisch aufzuputzen?

Gegen die Errichtung des Eiffelturms, heute eine der weltweit meistbesuchten Sehenswürdigkeit, gab es massive Proteste und er wurde unter anderem als „tragische Straßenlaterne“ bezeichnet.

Inzwischen schätzen wir die Vielfalt des kreativen Schaffens aller Epochen und versuchen sie zu bewahren, und dazu gehört für mich natürlich auch der Mut sich auf Neues einzulassen. Müssen historische Gebäude in der Altstadt durch Moderne erstetzt werden, sollte dies aber durch kompetente und verantwortungsbewusste Architekten geschehen. Wie den 1933 in Lienz geborenen und leider inzwischen verstorbenen berühmten Architekten Raimund Abraham.

Dass in Lienz geschichtsträchtige Bauten einfach klanglos verschwinden, andere wieder radikal überbaut werden scheint fast niemanden zu interessieren. Aber als 1993 das „Wiesensteinerhaus“ im historischen Stadtkern von Lienz durch das heutige „Abraham-Haus“ ersetzt wurde, war die Empörung plötzlich groß.

Gerade für  Raimund Abraham als Architekturphilosoph bedeutete  Architektur  immer zuerst einen   Eingriff in den Ort und somit war für ihn ein respektvoller Umgang mit diesem selbstverständlich.

Wir sollten uns freuen, dass neben dem umjubelten Kulturforum in New York eines seiner wenigen weiteren  Bauwerke bei uns im kleinen Lienz zu bestaunen ist:

 

Im Norden das Urgestein, im Süden die Dolomiten. Durch die N-S-Orientierung des Gebäudes ergeben sich zwei metaphorische Türme mit verschiedenartigen Fassaden: Nach Süden schützt ein vertikales Schild das Innere des Gebäudes und eine darüber schwebende prismatische Glashaut ermöglicht die Durchlichtung des dahinterliegenden dreigeschoßigen Luftraumes.

Im Norden erhebt sich im Gegensatz dazu ein leichter, dreieckiger Baukörper, deren schräge Dachhaut sich zum Himmel öffnet und dadurch eine natürliche Durchlichtung aller darunterliegenden Stockwerke ermöglicht. Zur Vollendung verbindet eine N-S-laufende verglaste Brücke beide Baukörper miteinander.

Vor allem die Nordfassade ergibt mit dem danebenliegenden Gebäuden mit den Holzkonstruktionen, den Liebburgkuppeln im Hintergrund und dem alles überragenden Spitzkofeltürmen das etwas andere und inzwischen beliebte Fotomotiv von Lienz.

 

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass zukünftig unser „Abraham-Haus“ zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Lienz zählen wird.

Für mich ist es dies schon heute!

 

 

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.