Der Lienzer Lebzelt von 1644 ist wieder da
Geschrieben am 3. Dezember 2019 von Cityguide Lienz
Der Lienzer Lebzelt von 1644 ist wieder da

Eine köstliche Weihnachtsbäckerei mit regionalen Zutaten und historischer Noblesse.Was wäre die Weihnachtszeit ohne Weihnachtsbäckereien? Allerlei lokale wie überregionale Köstlichkeiten verleihen dem Fest eine besondere kulinarische Note. Die Ursprünge des Lienzer Lebzelt reichen bis in die Spätzeit der Grafen von Wolkenstein-Rodenegg im 17. Jahrhundert zurück.

Der heute von den heimischen Bäckermeistern Joast, Glanzl und Gruber nach alter Rezeptur hergestellte Lebzelt ist gefüllt mit Osttiroler Preiselbeeren und echtem Bienenhonig. Seinen besonderen Geschmack verleiht ihm eine erlesene Gewürzmischung aus Zimt, Nelken, Koriander, Muskatnuss, Anis, Ingwer und Fenchel. Anklänge an mediterrane Backtraditionen sind hierbei unverkennbar. Die Oberseite des Lebzeltes schmückt – dank der Tradition Jahrhunderte zurückreichender „Gebildbrote“ – ein besonderes Kunstwerk: Die Anbetung der Heiligen Drei Könige aus Marzipan.

Die Backform, der Model, wurde von einem Künstler, dessen Name nicht bekannt ist, im Jahre 1644 angefertigt. Die Dreikönigsdarstellung im Model ist negativ und seitenverkehrt in einen Block aus Birnenholz geschnitzt und ist etwa 23 Zentimeter breit. Als Hinweis auf Lienz gilt das mehrfache Aufscheinen einer fünfblättrigen Rose, wie sie das ursprüngliche Wappen der Lienzer Bürgerschaft zeigt.

In der Sammlung von Lebzeltmodeln im Museum der Stadt Lienz auf Schloss Bruck befinden sich noch weitere Motive, wie etwa jene vom Weihnachtsfest, St. Nikolaus (18. Jahrhundert) oder Krampus (19. Jahrhundert). Natürlich gab es nicht nur in der Weihnachtszeit Bildgebäcke, sondern auch zu den verschiedensten Anlässen. Der Reichtum an Motiven umfasst die höfische Welt, Brauchtum, Liebe/Ehe, Blumen- und Pflanzenwelt.

Auftraggeber für die Anfertigung kunstvoller Backformen waren in der Regel die städtischen Lebzelt-Bäcker. Bezeichnend für eine weit zurückreichende Tradition ist die Tatsache, dass für Lienz seit dem 17. Jahrhundert mehrere Dynastien von Lebzeltern nachweisbar sind. Sie genossen weit über die Region hinaus hohes Ansehen. Der Erwerb der Brauchtumsgebäcke war zur damaligen Zeit eine höchst exklusive Angelegenheit, die neben dem Adel vornehmlich dem gehobenen Bürgertum vorbehalten war.

Die klassische Lebzelterei war über klösterliche Traditionen der frühen Neuzeit nach Osttirol gekommen. Die Kunsthistorikerin Renate Vergeiner von der Universität für Angewandte Kunst in Wien hat sich intensiv mit der kulinarischen Geschichte von Lienz beschäftigt und vor Jahren ein „Alt-Lienzer Kochbuch“ mit Rezepten aus verschiedenen Jahrhunderten herausgegeben. Ihr Resümee: „Die Lienzer Küche zur Zeit der Görzer und Wolkensteiner Grafen war absolute ‚Cuisine‘. Man wusste zu leben!“

Die Herrschaft der Görzer Grafen im südlichen Alpenraum, die bis nach Italien reichte, hat Lienz  in der damaligen Zeit zu einem urbanen Zentrum entwickelt, das in kulturellen und kulinarischen Angelegenheiten von anderen Zentren vieles übernahm. Dank weitverzweigter Handelsbeziehungen, wie etwa Gewürzimporte aus Italien und Frankreich, war die Kultur der Lienzer Bürger neben regionalen Traditionen stets auch international ausgerichtet. Der Lienzer Lebzelt ist bis heute Ausdruck der weltgewandten Lienzer Küchentradition, in der mondäne Vielfalt und regionale Verankerung Hand in Hand gehen.