Die letzte Mühle in der Lienzer Innenstadt
Geschrieben am 7. September 2015 von Evelin Gander

In der Mühlgasse, zwischen hunderten parkenden Autos steht noch ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten: die letzte Mühle in der Mühlgasse. Aber nicht mehr lange …

Rund um die Mühlgasse im Bereich des Stegergartens kommt nämlich Bewegung auf! Der Abriss des alten Badhauses, eines der ältesten Häuser der Stadt, und des imposanten Baumgartner Stadls ist wohl von jedem Einheimischen und zumindest von jedem Stammgast wahrgenommen worden.

Im Gegensatz dazu wird bald die Mühle dazwischen von den meisten unbemerkt ganz einfach verschwinden.

Dabei prägten Mühlen über viele hunderte Jahre lang das Lienzer Stadtbild. Die Drauwiere war eine künstlich geschaffene Energiequelle und führte nahe der Galtizenklamm in Leisach bis nach Lienz und mündete im Hofgarten schließlich in die Isel. Entlang der Wiere entstanden viele Arten von Wasserkraftanalgen wie Kornmühlen, Sägewerke, Hammerschmieden, Stampfmühlen, etc.

An der Wiere wurde Wasser geholt, Tiere getränkt, Wäsche gewaschen und sie war beliebter und gefährlicher Spielplatz der Kinder. Schon im 15. Jahrhundert diente sie der Stadt Lienz außerdem als schützender Wassergraben.

Bald wird nur noch der Name „Mühlgasse“ an die zahlreichen Gewerbebetriebe mit ihren Wasserkraftanlagen erinnern. Die Stadt Lienz hat das baufällig gewordene Mühlenhäuschen um 50.000 Euro samt einem Grundstücksstreifen von der Familie Wimmer gekauft und wird es sehr bald, das Denkmalamt hat bereits eingewilligt, abreißen.

„Lienzer Wiere bei der Lederwalke Wimmer, April 1962 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP)“

„Lienzer Wiere bei der Lederwalke Wimmer, April 1962 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP)“

Genau genommen handelt es sich hierbei um eine sogenannte Lederwalke. Die durch Robben-Öl gezogenen Häute kamen in die Walke mit dem Zweikammertrog und wurden dort von zwei schweren herabfallenden Lärchenbohlen, sogenannten „Schießer“ gestampft und gepresst. Mit den Zapfen der durch das Wasserrad drehenden Welle wurden die Lärchenbohlen immer wieder gehoben und fallen gelassen. Die Kraftübertragung gelangte mit Transmissionen vom Wasserrad sogar bis in das Obergeschoss, wo der Schloßmoar-Rohracher 1858 einen großen Dreschstadel über die Walke baute. Für 100 eingelegte Häute musste man ca. 2-3 Stunden rechnen. Dananch wurde das gewalkte Leder im nahen Garten auf Pfosten und Stangen zum Trocknen aufgehängt.

Bis 1962. Die Drauwiere entsprach nicht den modernen Vorstellungen der Stadtplaner, ja sie war sogar verkehrsbehindernd und wurde oft zur Abfallentsorgung missbraucht. Dem Bau der als „Umfahrungsstraße“ gedachten Tiroler Straße musste die Wiere schlussendlich weichen. Im Bereich der Weidengasse wurde sie in den Kanal geleitet und fließt seither unterirdisch bis in den Draupark und mündet dort in die Drau. Im Stadtbereich wurde der Wierenkanal einfach zugeschüttet und auch die Gewerbebetriebe mit ihren Mühlen verschwanden nach und nach. Die Drauwiere ist schon lange nicht mehr, aber das Verkehrsproblem ist wieder da.

Dort, wo sich Zimml’s La Ola Shop befindet – die Adresse für alle Outdoorfreaks und wie der Name schon verrät besonders für Wildwasserliebhaber – floss südlich des Gebäudes das gemächlichere Wasser der Wiere. Gleich daneben, im Lagerhaus der Spenglerei Zimmermann – der ehemaligen Erlach’schen Farbenmühle – ist südseitig die Stelle wo das Mühlrad an der Hauswand befestigt war durch das Weglassen des Verputzes noch sehr gut erkennbar und wird bald, nachdem die Lederwalke ganz in der Nähe abgetragen ist, eine der letzten Erinnerungen an die Drauwiere sein.

Es gibt einige wenige Interessenten für die alte Mühle, bzw. für das, was davon übrig ist. Aber die vorläufige Archivierung macht der Stadt noch Kopfzerbrechen. Vielleicht gibt es ja unter Euch jemanden, der immer schon unbedingt eine Lederwalke haben wollte?

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.