Die Messinggasse – Vom Industrie- zum Künstlerviertel
Geschrieben am 17. Februar 2015 von Evelin Gander
Die Messinggasse – Vom Industrie- zum Künstlerviertel

Nur noch der Name der Gasse erinnert an das ehemalige Messingwerk und auch das Meraner- oder Bürgertor, einst Teil der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung, gibt es schon seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Seither hat sich vieles verändert.

Vor einigen Jahren wurde die Messinggasse zu neuem Leben erweckt …

Die stinkenden Autos wurden verbannt, der Asphalt durch eine attraktive Pflasterung ersetzt, neue Ideen zogen in die Messinggasse ein und mit ihnen viele kreative Menschen, die nun die Obere Altstadt bereichern. Ihr schöpferisches Arbeiten und die zahlreichen Zeugnisse der bewegten Vergangenheit verdienen ein näheres Hinschauen.

So begegnet uns gleich hinter dem ehemaligen Stadttor das Apothekerstöckl – ehemals Dreifaltigkeitsstöckl – bekrönt mit dem qualitätsvollen Kruzefix aus dem 18. Jahrhundert und erinnert an schlechtere Zeiten: Am 8. April 1609 brach im gegenüberliegenden Haus ein fürchterlicher Brand aus von deren Folgen sich die Stadt lange nicht erholen konnte. Heute findet man in diesem Haus im kleinen und feinen Geschäft der Helene Duregger alles für die gehobene Tischkultur.

Im altbewährten Altwaren-Laden Schuh die Zeit still zu stehen und auch nebenan in der „Alten Schmiede“ hämmert Rudl sein Eisen scheinbar seit eh und je. Die Erzeugnisse des Meisters und allerlei anderes beeindruckendes Kunsthandwerk kann man im historisch überaus interessantem Gebäude – im Kern aus dem 17. Jahrhundert stammend – bewundern.

Beim Bummeln begegenen uns Düfte von Kräutern und Kerzenwachs aus der Drogerie Moser, dann beim Wurzelzstock steigt plötzlich Zirbenduft in unsere Nasen.

Gegenüber kreiert Claudia in ihrem Blumenladen florale Kunstwerke. Burgraf Heinrich von Lienz an der Häuserfassade – gerade mit einem Wettkampf beschäftigt – würde sich darüber sicherlich freuen. Er war, wie es sich damals gehörte, ein fleißiger Turnierkämpfer und dichtender Ritter. Das Originalbild befindet sich mitsamt einiger seiner Liebesgedichte in einem um 1300 entstandenen Buch, in der berühmten „Manessischen Liederhandschrift“.

Auf der anderen Seite, bei der Milchstube Pichler, dem letzten Kramerladen von Lienz, oder korrekterweise „hinten draußen“, befindet sich das Atelier des vielseitig begabten Künstlers Hans Salcher.

Wer sich auf der Suche nach einzigARTigen Geschenksideen befindet, ist hier in der Messinggasse genau richtig. Große Auswahl hierfür bietet das Geschäft der Lebenshilfe „Unikat“ und rücklings wurde die „Kunstwerkstatt“ zu einer vollwertigen Kunstgalerie ausgebaut. Auch Lederverarbeitung ist eine Kunst, das beweist ein Blick in das Schuhgeschäft „let’s go“ .

Nach soviel Kunst gönnt man sich hier gerne eine Pause, denn auch für Gaumenfreuden ist in der Messinggasse bestens gesorgt. Jeden Freitagnachmittag und Samstagvormittag belebt der „Stadtmarkt“ die Obere Altstadt und jeder kann sich dort überzeugen wie köstlich Osttirol schmeckt.

Gerne lässt man sich auch mit italienischen Delikatessen von Alexandra und Mario in der Weinphilo verwöhnen und Naschkatzen kommen im gleichnamigen Geschäft voll auf ihre Kosten. Beim Genuss der kunstvollen Schokoladevariationen wird man sogar mit etwas Glück durch musikalische Klänge von kleinen und großen Künstlern der nahen Musikschule begleitet.

Am westlichen Ende der Gasse, wo sich seit einigen Jahren gähnende Leere breit macht, befand sich einst der über Jahrhunderte wichtigste Industriebetrieb der Stadt Lienz. Das Messingwerk, oder auch Messingfabrik genannt, wurde 1564 errichtet und beschäftigte zur Blütezeit über 100 Arbeiter – für damalige Verhältnisse ein Großbetrieb! Von dem Schmelzofen, der Galmei-Mühle, der Hafnerei, der Zimmerhütte, den Magazinen, den Stallungen, dem Badhaus, der Waschküche, der Bäckerei und all dem anderem ist heute nichts mehr zu sehen. Es ist leider keine Kunst einfach alles dem Erdboden gleichzumachen ohne auch nur einen Stein der Erinnerung an das für viele Generationen von Lienzern und Menschen aus der Umgebung so bedeutungsvolle Werk zu erhalten.

Am Ende bleibt die Fage: Was ist  Kunst? Gleich mehrere Antworten darauf findet ihr an der Eingangstür des Hauses Nr. 12, natürlich in der Messinggasse.

 

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.