„Die Stadt Lienz hat die Gepflogenheit abzubrennen …“
Geschrieben am 12. Dezember 2014 von Evelin Gander
„Die Stadt Lienz hat die Gepflogenheit abzubrennen …“

Neben Glühweinduft, Glitzer & Co. gesellt sich, alle Jahre wieder, auch der Nachtwächter auf den Lienzer Christkindlmarkt. Mit Laterne und respekteinflößender Hellebarde bewaffnet, zieht er behäbig seine Runden. Nachtwächter Hannes ist ein begehrtes Fotomotiv, hat immer eine lustige Geschichte auf Lager und spielt auch beim Lienzer „Familienadvent“ eine wesentliche Rolle.

Seine Berufskollegen aus früheren Zeiten hatten da schon mehr zu tun:

„Die Stadt Lienz beobachtet schon seit vielen Menschenaltern die Gepflogenheit, von Zeit zu Zeit abzubrennen und dann immer wieder aufgebaut zu werden,“ bemerkte sarkastisch 1875 ein Reiseschriftsteller.

Tatsächlich gehört Lienz wohl zu den Städten in Tirol die am häufigsten durch Brände zerstört wurden. Lange Zeit war im Turm der Johanneskirche am Johannesplatz die Feuerwache untergebracht. Bei Anbruch der Dunkelheit musste der Wachmann bis Mitternacht jede volle Stunde ausrufen. Anschließend wurde er von seinem Gehilfen abgelöst, der bis Tagesanbruch jede halbe Stunde durch alle Fenster des Turmes mit einem Horn blasen musste.

In Jahre 1590 wurden zur Sicherheit noch zusächtliche Wächter für Rundgänge durch die Stadt bestellt, und auch die Hausbestitzer selbst hatten abwechselnd ihr Gassen zu bewachen.

Alles vergebens. Am 8. April zur Mittagszeit brach im Kamin in einer Behausung Nahe der Stadtmauer (heute Messingasse 2) ein Feuer aus und verbreitete sich in Windeseile in Richtung Zentrum. Innerhalb von nur drei Stunden brannte die ganze Stadt lichterloh!

Dreizehn Menschen sind verbrannt und in den darauffolgenden Tagen noch „etliche Personen des empfangenen großen Schröckens halber“ gestorben.

Jener fürchterlichen Katastrophe folgte noch im selben Jahr eine neue Feuerordnung, deren 1. Punkt eine jährliche Florianiprozession durch die Stadt vorsah.

Trotz allem kam es wenige Jahre darauf wieder zu einem zerstörerischen Brand.

Am 19. März 1621 erließ nun der Lienzer Gemeinderat genaue Instruktionen betreffend der nächtlichen Wacht. Mit Säbel und Hellebarden ausgerüstet hatten die Nachtwächter auch für Ruhe und Ordnung zu sorgen und wurden angehalten „in Zeit der Wacht, trunkene Leut, oder anderes vergebens müeßig gehendes Gsindl auf der Gassen antreffen, sollen sie dieselbigen zu Haus weisen und zur Ruhe schaffen,…“

Es gab noch viele weitere verheerende Brände. Sogar die Johanneskirche ist dem Feuer zum Opfer gefallen.

Die schreckliche Angst vor den Flammen begleitete die Lienzer Bevölkerung durch alle Jahrhunderte. Das ist längst vorbei und vergessen.

Aber wir freuen uns, alle Jahre wieder, wenn wir den netten Nachtwächter am Lienzer Adventmarkt begegnen. Heute erzeugt sein Anblick romantische Weihnachtsstimmung und lässt uns träumen von der „guten alten Zeit“.

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.