Ein Hexenprozess, ein Flüchtlingsheim – und das was beide miteinander verbindet
Geschrieben am 18. September 2014 von Evelin Gander
Ein Hexenprozess, ein Flüchtlingsheim – und das was beide miteinander verbindet

Am Perlogerhof in Oberlienz hat man sie schließlich aufgegriffen. Emerentiana, ihre alte Mutter und vier ihrer Kinder. Während des langjährigen Prozesses gegen den sgn. „Zauberer Jackl“ in Salzburg wurde Emerentiana Pichler als Mitschuldige genannt. Sie beteuerte stets ihr Unschuld, aber ihr Lebenslauf alleine machte sie schon mehr als nur verdächtig: Emerentiana wurde an einen Soldaten verheiratet der sie kurz darauf schwanger zurückließ. Sie lebte dann mit einem abgehausten Bauern aus dem Defereggental zusammen. Jahrelang zogen sie gemeinsam mit ihren Kindern und der alten Mutter durch Tirol, Kärnten, Steiermark und Salzburg, um ihre Heilmittel zu verkaufen.

Aber die „Spezialverhöre“, insgesamt mehr als 60, wurden immer brutaler und Emerentiana gestand. Unter anderem habe sie Wetter gemacht, eine heilige Hostie mit Messern durchbohrt, sie sei auf einem Stäbchen über die Berge von Lienz geritten, und habe sogar eine große Anzahl von Kindern getötet und verspeist.

Die Untersuchungen dauerten 10 lange Monate. Dann wurde das Urteil gesprochen, „selbe sei im Falle ihrer erfolgenden Bekehrung erst zu erdrosseln, sodann zu enthaupten, und zu Asche zu verbrennen; im Falle der nicht erfolgenden Bekehrung aber lebendig zu verbrennen; jedenfalls aber während des Hinführens zur Richtstätte fünfmal mit Zangen zu zwicken.“ Am 25. September 1680 wurde das Urteil, nur wenig abgemildert, vollzogen. Zwei Tage später wurden auch die beiden älteren Kinder Michael, bei der Verhaftung 14 Jahre alt, und Anna 12 Jahre alt hingerichtet. Der stumme 9-jährige Sebastian und die alte Mutter sind schon zuvor im Verlies auf Schloss Bruck verstorben. Die kleine Maria kam mit ein paar Rutenschlägen davon und musste mit ansehen, wie ihre ganze Familie ermordet wurde.

Was hat nun diese traurige Geschichte mit unserem Flüchtlingsheim in der Angerburg zu tun?

Wenn ihr das nächste Mal geschäftig durch Lienz eilt haltet, bei der Franziskanerkirche kurz inne und werft einen Blick auf eines der ältesten Gebäude von Lienz, die Angerburg. Am historisch sehr interessanten Haus ist ein großes Familienwappen mit der Jahreszahl 1651 aufgemalt.

Die Familie Dinzl von der Angerburg war eine der angesehensten Familien der Stadt Lienz und neben der Angerburg gehörten unter anderem auch die Tammerburg und die Weiherburg zur ihrem Besitz. Dr. Paulus Dinzl war während der Untersuchungen rund um Emerentiana Pichler Stadtpfarrer und Dekan von Lienz. Er setzte sich mit damals unerhörten Ansichten vehement gegen den Exorzismus und für Emerentiana Pichler ein. Leider ohne Erfolg. Die Zuständigkeit bei Hexenverfolgungen war schon längst auf die weltliche Gerichtsbarkeit übergegangen.

Unerhört finden wir heute das, was damals für selbstverständlich galt: das Prinzip der Ungleichheit und dass somit die Rechte eines Menschen von seinem Stand in der Gesellschaft abhingen.

In jener Angerburg finden nun schon seit 10 Jahren verfolgte Menschen Unterschlupf und vor kurzem wurde dort ein buntes Jubiläumsfest gefeiert. Ein Fest für die Menschlichkeit!

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.