Zur Ruhe kommen im Antoniuskirchl
Geschrieben am 20. August 2014 von Evelin Gander

Ab und und zu, wenn’s wieder einmal gar zu rund geht, verkrieche ich mich für einige Momente ins Antoniuskirchl, um durchzuschnaufen. Dort, mitten im Zentrum des kleinen aber oft sehr geschäftigen Dolomitenstädtchens, kann man wunderbar zur Ruhe kommen. Oder darüber sinnieren, was einem vielleicht abhanden gekommen ist und, mit Hilfe des Hl. Antonius, wieder gefunden werden könnte.

Foto: Wolfgang C. Retter

Foto: Wolfgang C. Retter

Nicht verloren, aber vielleicht schon vergessen ist so manche Geschichte die das Kirchlein zu erzählen hat. Schon zur Blütezeit von Lienz als Residenzstadt der Görzer Grafen befand sich hier wahrscheinlich ein kleines Gotteshaus – nach dem Aussterben der Görzer zum Fronkasten umfunktioniert –  wurde es im 17. Jahrhundert zum heutigen Kirchlein umgebaut. Der Hauptaltar mit den Hl. Antonius-Bildern stammt von der ehemaligen Lieburg-Kapelle, eine Holztüre mit ornamentalem Schnitzdekor und einem Hl. Antoniusbild von 1660 führt in die Sakristei …

… dort verbergen sich für uns fast exotisch anmutende Schätze: Prozessionsfahnen, Ikonen, eine Ikonostase, alte Kerzenständer – viele stammen noch von damals, als rund um Lienz Fürchterliches geschah. „Im Morgengrauen bildete sich eine gewaltige Prozession, die sich in Richtung auf die Feldkapelle des Lagers Peggetz in Bewegung setzte. Vorne schritten zwei Priester im vollen Ornat. Die Menschen trugen Kreuze, Kirchenfahnen, Kirchenbücher, brennende Kerzen – die Gebete gingen pausenlos weiter, aber gegen acht Uhr morgens rückten fächerartig die britischen Panzer vor ….“ (Josef Mackiewicz)

Im Mai 1945 erreichten rund 25 000 Männer, Frauen und Kinder, tausende Pferde und sogar einige Kamele den Lienzer Talboden. Ganz Osttirol zählte damals gerade mal 35.000 Einwohner! Die gewaltsame Deportation der Kosaken seitens der britischen Besatzungsmacht kostete in Lienz allein um den 1. Juni 1945 einigen hunderten Menschen auf brutalste Weise das Leben und ließ viele andere für lange Zeit, manche wohl für ein Leben lang, traumatisiert zurück.

Alljährlich werden hier im Antoniuskirchlein und am Kosakenfriedhof Gedenkgottesdienste gefeiert, um diese fürchterliche „Kosakentragödie an der Drau“ und ihre Opfer nicht zu vergessen. Im Jahr 2015 jährt sich die Tragödie zum 70. Mal. Es werden zahlreiche Gäste aus den verschiedensten Erdteilen erwartet und schon jetzt laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es wird an einem bunten Rahmenprogramm gearbeitet, auf das wir uns alle, Einheimische und Gäste, trotz allem Fürchterlichen das damals passiert ist, jetzt schon freuen dürfen!

Am besten Sie statten dem Antoniuskirchl selbst einmal einen Besuch ab. Denn etwas, das jedem von uns immer wieder abhanden kommt, finden Sie dort ganz bestimmt: Ruhe und Besinnlichkeit.

Evelin Gander
Willkommen auf meinem Cityguide-Blog, den ich gemeinsam mit dem Team von dolomitenstadt.at gestalte. Ich bin Bergbäuerin und geprüfte Fremdenführerin, vor allem aber seit Jahren in Osttirol und die Dolomitenstadt verliebt.